Alles beginnt in Dir

Die Komponistin Anna Thorvaldsdottir ist bei den New Yorker Philharmonikern ebenso gefragt wie auf deutschen Opernbühnen. Ihre Musik aber ist isländisch durch und durch

CICERO / Salon / September 2015

Den Klang ihrer Kindheit hat der Wind komponiert. Er ließ die Dachbalken singen und die Jalousien rasseln, er peitschte die Meereswogen zum accelerando und prallte mit ungebremster Dynamik gegen die Felswände aus erstarrter Lava. „Ständig den Wind im Gesicht zu haben und die Elemente derart direkt zu spüren – das hat etwas sehr Fundamentales an sich“, sagt Anna Thorvaldsdottir und schließt die Hände fest um die wärmende Teetasse vor sich auf dem Tisch. Auch in diesem Moment wehen eisige Böen über die isländische Insel und zwingen trotz passabler Temperatur von zehn Grad Celsius zum schnellen Kauf einer Wollmütze. Es ist Juli in Reykjavik, „die schönste Jahreszeit“ laut Thorvaldsdottir, bevor es wieder dunkel wird und wirklich kalt...

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Der stille Provokateur

Fono Forum / September 2015

Das Geheimnis eines Wunders liegt in jenem unerklärlichen Prozentsatz, der bestehen bleibt – auch dann, wenn alle Analysen erschöpft, alle Zusammenhänge studiert und alle Töne gespielt worden sind. Es scheint nicht zu hoch gegriffen, bei der Aura der Musik des Komponisten Arvo Pärt von einem solchen Wunder zu sprechen und es ist ein Wunder, das ebenso zauber- wie rätselhaft nun schon seit etlichen Jahrzehnten eine weltweit einzigartige Fangemeinde berauscht. Sucht die „neue Musik“ ansonsten zumeist mühevoll ihre Hörer, so gilt Pärt als einer der beliebtesten und meistgespielten zeitgenössischen Komponisten und genießt damit per se einen gleichermaßen bewunderten wie skeptisch beäugten Sonderstatus unter Kollegen und Kritikern...

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Unangestrengte Meisterschaft

Das Spiel von Kenny Werner vereint die Schwermut des traurigen Poeten mit der Dichte des kritischen Denkers. Auf seinem aktuellen Trioalbum „Melody“ zeigt sich der amerikanische Jazzpianist in Höchstform. Dorothea Walchshäusl stellt ihn im Porträt vor.

Fono Forum / August 2015

Die einen nennen es Jazz, die anderen nennen es Kunst. Kenny Werner selbst meidet beides. „Vermutlich bin ich so einer, ein Jazzmusiker“, sagt der amerikanische Pianist und lacht trocken. „Doch wenn ich über Musik als ‚Kunst‘ nachdenke, dann werde ich extrem uninspiriert“.

Der Grandseigneur des Jazzpiano wird in diesem Jahr 64 Jahre alt und wenn es etwas gibt, was er verabscheut, sind es hölzerne Definitionen und kleinkariertes Schubladendenken. Jazz ist für ihn nur „eine bestimmte Art der Improvisation“, kein stilistisches Dogma und für sich betrachtet ein ziemlich irrelevanter Begriff. Was für Werner viel mehr zählt, ist die innere und die damit einhergehende musikalische Freiheit – jener Bewusstseinszustand also, den Werner, der Pädagoge, in seinem viel bewunderten Buch „Effortless Mastery“, unangestrengte Meisterschaft, genannt hat. Vor fast zwanzig Jahren hat Kenny Werner dieses Werk veröffentlicht und bis heute trägt es bei unzähligen Workshops und Masterclasses Früchte. Wer es zur unangestrengten Meisterschaft gebracht hat, macht ebenso selbstverständlich Musik, wie er redet und schreibt, wie er läuft, wie er isst und wie er atmet. Kenny Werner selbst hat diese intuitive Präsenz in seinem Spiel zur Perfektion getrieben. Oft gleichen seine Darbietungen einem meditativen Strom, der alles beiläufig Störende außen vor lässt und sich in höchster Konzentration seinen Weg in die Herzen der Zuhörer bahnt. „Darum geht es vor allem“, sagt Kenny Werner: „Beim Spielen zu einem Zustand zu gelangen, in dem einem der Kopf nicht im Weg steht. Es geht darum, dass man ganz im Moment ist beim Spielen....

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Luft plus Liebe gleich Musik

Carolina Eyck ist die Königin des Theremins - eines elektronischen Instruments, das klingt und schwingt und surrt, ohne dass man es berührt. Hitchcock wäre stolz auf sie

CICERO / Salon / Juli 2015

Exotendasein kann anstrengend sein. All die Ohs und Ahs, die irritierten Blicke, die offenen Münder und jene Stimmen, die sich lieber nach der Gefährlichkeit von elektromagnetischen Feldern erkundigen als die Intensität der Interpretation zu bewundern. „Ich bin kein Freak“, sagt Carolina Eyck, dann zuckt sie die Achseln und steckt sich ein Stück Minzschokolade in den Mund. „Für mich ist das Theremin völlig normal und mich interessiert einfach nur die Musik, die man damit machen kann.“

Das musikalische Refugium von Carolina Eyck ist ein Wohnstudio in einer ehemaligen Spinnerei im Westen von Leipzig. Durch die Fenster fällt der Blick auf den Karl-Heine-Kanal, davor reckt eine mannshohe Kaktee ihre Arme in die Luft, von den beige gefliesten Wänden leuchten farbintensive Gemälde und auf dem Fußboden mümmelt ein frei herumlaufendes Kaninchen am Kohlblatt, während sich Kaninchen Nummer 2 geräuschvoll hinter den Löffeln kratzt...

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Schmäh und Charme: Mario Rom’s Interzone

Passauer Neue Presse Feuilleton / 1. März 2015

Kinder, das waren Zeiten früher: Der Weltschmerz wurde in Schreibmaschinen gehackt, die Musik der Sehnsucht kam von der kreisenden Langspielplatte und ging man ins Konzert, standen grundsolide Anzugträger auf der Bühne. Gibt’s nicht mehr? Von wegen. Beim Ensemble „Mario Rom’s Interzone“ pflegen drei viel zu junge Österreicher zwischen Anfang zwanzig und dreißig am Freitagabend im Café Museum den antiquierten Kult: dreimal beiger Anzug, dreimal dunkler Bart, die LP thront auf dem Flügel...

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Antikörper sollst du bilden

Der Lyriker Reiner Kunze sammelt Dokumente seiner Verfolgung und Bespitzelung durch die DDR. Damit das Unrecht nicht verklärt wird, gründete er eine Stiftung

CICERO / Salon / Februar 2015

Wir treffen uns an jenem Freitagmorgen, an dem Bodo Ramelow in Thüringen zum Ministerpräsidenten gewählt werden wird. Reiner Kunze hat schlecht geschlafen.

Die vergangenen Wochen hat der 81-jährige vor allem auf Autobahnen und Rednerbühnen zugebracht. Ein Zwischenstopp in Jena, in Leipzig, auf Rügen. Eingeladen wurde der Träger des Thüringer Verdienstordens, wer schließlich sprach, war der kritische und leise Mahner Kunze. Kein trotziger Drachenjäger, sondern einer, der den Drachen mit feiner Dichtung in die Knie zwingt.

Die Heimat des Dichters liegt seit mittlerweile 37 Jahren im kleinen Dorf Erlau nahe Passau am Ende einer Stichstraße steil am Hang. Neben dem Haus beginnt der Wald, im Tal schlängelt sich die Donau in Richtung Obernzell, noch hängt Nebel in der Luft. Reiner Kunze sitzt auf einem lindgrünen Samtsofa in seinem Wohnzimmer. Hinter ihm erstreckt sich die Bücherwand, an der Seite schweigt ein Klavier, die Füße versinken in weichem Teppichboden. „Grüner Tee?“ fragt seine Frau Elisabeth. „Ein dreifacher Cappuccino wäre mir heute lieber“, sagt Kunze und seufzt...

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Die fabelhafte, eigenwillige, wundersame Welt des Grigory Sokolov

Der russische Pianist bleibt vielen ein Rätsel: Anstelle von lästigen Interviews beschäftigt er sich lieber mit Seriennummern seiner Konzertflügel oder dem Innenleben eines Flugzeugmotors. Nach 20 Jahren gibt es jetzt zumindest ein Album – ein Live-Mitschnitt aus dem Jahr 2008 zwar, aber immerhin. Ein Versuch einer Annäherung.

crescendo / Februar 2015

Der Mann ist eine Ahnung, ein Schatten, ein Phantom. Sein Mythos eilt ihm weit voraus, und wo auch immer er spielt, hinterlässt er ergriffene Herzen. Sokolov selbst jedoch verbleibt im Dunkeln. Wenn man so will, ist der 64-Jährige der letzte große Pianist der alten russischen Schule. Seine musikalischen Vorfahren heißen Anton Rubinstein, Vladimir Sofronizki und Emil Gilels, sein Spiel ist die furiose Vereinigung von technischer Elastizität, dynamischem Volumen und filigraner Farbgebung. Und doch: Sokolov entzieht sich jedem Vergleich, bleibt singulär und rätselhaft...

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Die Schattenmänner

Während die Solisten alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, werden Begleiter am Klavier oft nur im Nebensatz erwähnt.
Dorothea Walchshäusl traf drei Pianisten, die das ganz anders sehen.

crescendo / Dezember 2014

Es war kurz nach einem Konzert. Zwei Stunden lang hatte Gerold Huber vorne auf der Bühne alles gegeben: Er hatte den Tasten des Flügels die feinsten Nuancen entlockt, er hatte die tiefenpsychologischen Zwischentöne in der Unterstimme herausgekitzelt und mit ungebremster Hingabe musikalische Dramen durchlitten. Lied um Lied ein Genuss, Standing Ovations, Zugabe. Wenige Minuten später: Huber begegnet einem der zahlreichen Gäste im Publikum und wird lange mit rätselndem Blick gemustert. Dann fragend der Gast: „Also irgendwo habe ich Sie ja schon einmal gesehen… kennen wir uns?“ Gerold Huber lacht schallend, wenn er diese Geschichte erzählt, er liebt das Understatement und noch mehr liebt er seinen Beruf...

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Blau sind alle seine Klänge

Der griechische Dirigent und Dandy Teodor Currentzis erobert vom russischen Perm aus die Musikwelt. Mozart setzt er unter Starkstrom. Nun erhält er den Echo-Klassik-Preis

CICERO / Salon / Oktober 2014

Wäre Teodor Currentzis kein Romantiker, er wäre nicht hier. In dieser Stadt, in der noch Hammer und Sichel an den Hausmauern prangen. In der sich die Sonne in der vergilbten Verschalung tristesser Plattenbauten spiegelt. In der grobklotzige Sowjetkunst in den aschgrauen Himmel ragt und im Winter bei durchschnittlichen minus 15 Grad die Abgase in der Luft gefrieren. Bis 1991 war die russische Stadt Perm mit heute knapp einer Million Einwohnern eine verbotene Stadt für Ausländer, sie war Hochburg der Rüstungsindustrie und Heimat von Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow. Heute ist sie die Kulturmetropole im Ural und ihre künstlerische Leuchtgestalt heißt Teodor Currentzis.

“Ich bin eine sehr romantische Person, ich bin kein Technokrat”, sagt der Musikdirektor des Permer Opern- und Ballettheaters, nippt am schwarzen Tee und dreht sinnierend den großen Ring an seinem Finger. Sein ganzes Büro atmet den Geist postromantischen Schwärmertums...

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John & Arthur Beare: Erste Adresse für Streichinstrumente

crescendo / Oktober 2014

Das Herz der Firma „J & A Beare“ im schmucken Gebäude in der Londoner Queen Anne Street 30 schlägt im Keller rechts hinten, gleich neben verstaubten Geigenkoffern, gelagerten Holzbrettern und ein paar Pappkartons. „Anti Explosive & Anti-Blowpipe Devices“ prangt dort auf einer tonnenschweren Stahltür, dahinter verborgen schlummern einbruchsicher und wohlbehütet die Kronjuwelen unter den Streichinstrumenten: Celli und Geigen, die so viel kosten wie eine Villa an der Côte d’Azur. „Wir haben Zeiten, in denen lagern hier Instrumente im Wert von 100 Millionen Dollar“, sagt Direktor Steven Smith und lächelt leise, dann streicht er zärtlich über den Hals einer haselnussbraunen Stradivari und legt sie zurück in das schlichte Aufbewahrungsfach. Das fensterlose Kellerloch mit den Holzregalen ist für Smith der wohl „sicherste Ort der Welt“ für derartige Werte, zuhauf liegen und stehen sie hier in diesem Tresor, jedes Ins­trument für sich ein Geniestreich, ein Meisterwerk mit großer Geschichte und einem Klang für die Ewigkeit...

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