Klarinetten-Clan

Sie tun es alle: Papa und die zwei Brüder. Bei Ottensamers aus Wien greift jeder zum geschmeidigen Rohrblattinstrument. Und das, obwohl oder gerade weil es in der Familie auch etwas anderes gibt als die Musik.

crescendo / März 2017

Was man in die Wiege gelegt bekommt, ist Schicksal. Was man daraus macht, eine Frage von Talent und einer Portion Glück. Bei Andreas Ottensamer ist diese Mixtur vollendet aufgegangen. Mit seinen 27 Jahren ist der agile Klarinettist längst im Olymp der Klassikszene angekommen und hat es darüber hinaus geschafft, gleich in verschiedenen Bereichen parallel Karriere zu machen. Seit März 2011 ist er Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker, außerdem tourt er als Solist durch die Welt und schätzt das Musizieren in hochkarätig besetzten Kammermusik-Ensembles.

Ein Tag Anfang Februar in Wien. Andreas Ottensamer ist hier aufgewachsen und kehrt regelmäßig in seine alte Heimat zurück. Der hochgewachsene junge Mann mit den dunklen Haaren, den glatten Gesichtszügen und dem athletischen Gestus kommt knapp, eilt durch die verwinkelten Gänge des Künstlertrakts des Wiener Konzerthauses und lässt sich schließlich auf ein Sofa in der Kantine fallen. Seinem Aussehen nach könnte er Profisportler sein, Model oder beides gleichzeitig, im wahren Leben ist er einer der führenden Klarinettisten der Gegenwart. Am Vorabend hat er im Musikverein Mozarts Klarinettenkonzert interpretiert, heute stehen die Proben für die nächsten Konzerte an.

Nicht nur Andreas Ottensamer, auch seine gesamte Familie ist ein musikalisches Phänomen. Während die Mutter Cecilia Ottensamer als Cello-Professorin am Konservatorium in Wien unterrichtet, sind sowohl der Vater als auch die beiden Söhne als Soloklarinettisten in großen Orchestern tätig, Ernst und Daniel Ottensamer bei den Wiener Philharmonikern und beim Orchester der Wiener Staatsoper, Andreas Ottensamer bei den Berliner Philharmonikern. Dreimal Klarinette, dreimal die musikalische Top-Liga. Was klingt, wie eine statistische Unwahrscheinlichkeit, ist bei genauerem Blick gar nicht so verwunderlich. „Ich denke, man distanziert sich bewusst von dem, was die eigenen Eltern machen, oder man identifiziert sich sehr damit“, so Andreas Ottensamer. Bei ihm und seinem Bruder war offensichtlich Zweiteres der Fall. Das lag womöglich auch daran, dass die Musik zwar ganz selbstverständlicher Teil ihrer Kindheit war, aber nie alleiniger Lebensinhalt. „Meine Kindheit war gefüllt mit vielem, auch mit sehr viel Sport“, sagt Ottensamer. Gleichzeitig war die Musik für ihn immer präsent, doch nicht als etwas künstlich Aufgezwungenes, das er als Belastung von außen empfunden hätte. Stattdessen waren die Kinder ständig umgeben von Klängen und Harmonien und sobald sie selbst die ersten Töne auf einem Instrument beherrschten, machten sie mit ihren Eltern zusammen Kammermusik. „Das war natürlich sehr motivierend und hat viel Spaß gemacht“, so Ottensamer.

Zuerst spielte der Heranwachsende auf dem Cello und dem Klavier. Beides tat er gerne und mit Erfolg, doch mit zwölf reizte ihn dann das Instrument seines Vaters und Bruders. Eine folgeschwere Wahl. „Mit der Klarinette ging sehr schnell sehr viel vorwärts“, erzählt Ottensamer und so wurde sie alsbald zu seinem Hauptinstrument. Bis heute ist es der Zauber ihres Klangs, der Ottensamer immer wieder aufs Neue in den Bann zieht: „Die Tongebung, die singenden Linien, der frei schwingende Ton… das alles ist sehr faszinierend. Und dann ist da diese mysteriöse Klangfarbe, bei der man manchmal im Orchester erst kaum weiß, welches Instrument nun gerade eigentlich spielt. Das ist immer wieder ein Gänsehautmoment für mich“.

Für Gänsehaut mal drei sorgt er seit 2005 zusammen mit seinem Vater und seinem Bruder. Seit mittlerweile zwölf Jahren treten sie als Klarinettentrio „The Clarinotts“ auf, eine familiäre und musikalische Einheit, der bereits etliche Werke gewidmet wurden und deren Homogenität im Spiel außergewöhnlich ist. Für Ottensamer macht es einen riesigen Unterschied, ob er mit Familienmitgliedern spielt oder mit anderen Musikern. „Es gibt nichts Innigeres, nichts Harmonischeres als das Musizieren in einer Familie. Das kann man mit Nichts vergleichen. Man kennt sich einfach wahnsinnig gut und versteht sich intuitiv“, so der Musiker. Oft ahne sein Bruder bereits eine Millisekunde vorher, was er gleich tun werde. Da brauche es keine Abstimmung und keine vielen Worte. Das sei einfach „sehr, sehr schön“.

Auf seinem jüngst erschienen Album mit dem Titel „New Era“ begibt sich Andreas Ottensamer zusammen mit der Kammerakademie Potsdam und zwei seiner Kollegen bei den Berliner Philharmonikern, dem Oboisten Albrecht Mayer und dem Flötisten Emmanuel Pahud, nun auf Zeitreise nach Mannheim Mitte des 18. Jahrhunderts. Damals regierte dort der Kurfürst Karl Theodor und legte ein besonderes Augenmerk auf die „Mannheimer Hofkapelle“, ein exzellentes Orchester, das zum klingenden Symbol seiner Macht und Strahlkraft werden sollte. Ausgehend von diesem herausragend besetzten Ensemble entwickelte sich ein agiler Musikerkreis, der später als „Mannheimer Schule“ in die Musikgeschichte einging. Gleich einem musikalischen Experimentierlabor kamen hier Dirigenten, Komponisten, Solisten und Orchestermusiker zusammen. Oft füllten sie in Personalunion gleich mehrere Rollen gleichzeitig aus und inspirierten sich gegenseitig zu bis dato ungehörten kompositorischen Neuerungen. Es muss eine umtriebige Werkstattatmosphäre geherrscht haben in diesen Jahren, in der nichts verboten war und kaum etwas spannender als die neueste Schöpfung des Kollegen, die es zu interpretieren, zu kommentieren und zu übertrumpfen galt. Andreas Ottensamer hat diese Zeit schon immer fasziniert, nicht zuletzt deshalb, weil sie als Geburtsstunde der Klarinette gesehen werden kann – so, wie wir sie heute kennen. „Das war eine ganz entscheidende, irrsinnig kreative und fruchtbare Zeit“, so Ottensamer. Die Werke der Mannheimer Schule seien dabei sehr vielfältig. Davon zeugen auch die Stücke auf „New Era“ wie das Klarinettenkonzert in B-Dur von Johann Stamitz‘ oder Franz Danzis Concertino für Klarinette, Fagott und Orchester in B-Dur, die Ottensamer mit zahlreichen Manierismen verziert und mit der ihm eigenen Lebendigkeit und Wärme im Klang betörend in Szene setzt. Mal finden sich noch Anklänge an barocke Kompositionstechniken in den Schöpfungen der Mannheimer Schule, gleichzeitig reicht ihr Spektrum aber auch bis in die frühen Mozart-Opern hinein.

Überhaupt Mozart: In Mannheim hat der Salzburger Komponist zum ersten Mal die Klarinette gehört und ihr fortan einen Ehrenplatz in seinen Werken eingeräumt. Von der innigen Liebe, die er mit ihrem besonderen Klang verband, erzählt nicht zuletzt sein Klarinettenkonzert. Seit seiner Entstehung ist es zu einem Schlüsselwerk der Klarinettenliteratur geworden, bei dem das schlanke schwarze Instrument mit dem schwingenden Grundton und der singenden Melodiestimme in seiner ganzen Farbigkeit präsentiert wird. Naheliegenderweise ist Mozart für Ottensamer ein lebenslanger Begleiter und auch auf „New Era“ sind zwei Werke von ihm vertreten. Bei der Annäherung an die Schöpfungen der Klassikgröße dürfe man sich laut Ottensamer allerdings nicht von zu großen Skrupeln leiten lassen. „Bei aller Vorsicht vergessen wir gerne, dass Mozart eigentlich eine richtige Wildsau war. Seine Musik ist Oper pur, sie quillt über vor lachender Virtuosität und freier Sanglichkeit. Das ist unglaublich lebendig und darf auch so gespielt werden.“ Erlebt man Andreas Ottensamer mit Mozarts Klarinettenkonzert, wird deutlich, was er meint. Federnd und leichtfüßig, hintersinnig und mit brillanter Virtuosität lässt er das Stück blitzen und strahlen, bevor er der Musik in der nächsten Wendung innigen Schmelz und tiefe Melancholie entlockt. Es sind diese farbenreiche Klangpalette, die spielerische Leichtigkeit ohne jeden Druck und nicht zuletzt seine reife und hochsensible Interpretationsgabe, mit der Andreas Ottensamer als Solist wie als Kammer- und Orchestermusiker die Säle füllt, die Ohren öffnet und die Herzen bewegt. „Diese Gesamtheit macht großen Spaß und ich hoffe, dass es so weiter geht“, sagt Ottensamer. Dann grinst er zufrieden und schwingt sich vom Sofa. Die nächste Probe beginnt.