Texte

Reines Konzentrat der Musik

Der russische Pianist Grigory Sokolov führt das Publikum in Passau an emotionale Grenzen

PNP / Juli 2018

Womöglich erwächst der Zauber der Musik gar nicht so sehr aus den Tönen selbst, sondern aus jenem geheimnisvollen Raum dazwischen. Der russische Pianist Grigory Sokolov ist ein Meister darin, diese Beziehung zwischen den einzelnen Noten zu gestalten und das pure, reine Konzentrat der Musik mit kompromissloser Ernsthaftigkeit in seinem Spiel freizulegen. Am Sonntagabend war er im Rahmen der Europäischen Wochen in Passau zu Gast und verwandelte den ausverkauften großen Rathaussaal für fesselnde zweieinhalb Stunden in eine Pilgerstätte höchster Konzentration...

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Mutter auf Zeit gesucht

Immer häufiger nimmt das Jugendamt Kinder in Obhut. Pflegefamilien werden dringend gesucht. Hier finden Kinder familiäre Strukturen und Kommunen zahlen weniger als für einen Pflegeheimplatz.

KOMMUNAL / Juni 2018

Bei Familie Scheuerer in Ruderting ist die Welt noch in Ordnung. An den Wänden hängen Familienfotos und bunte Kinderbilder, im Garten warten Trampolin und Sandkasten auf ihren Einsatz. Seit einer guten Woche lebt hier auch die kleine Alena (Name von der Redaktion geändert), ein lebhaftes, neugieriges Mädchen mit Pferdeschwanz und keckem Blick, das gerade auf den Schoß von Alexandra Scheuerer klettert und seiner Mama auf Zeit einen dicken Kuss auf die Wange drückt. „Alena ist sehr liebebedürftig“, wird Alexandra Scheuerer später mit einem Lächeln sagen. In dem gemütlichen Haus in Ruderting bekommt die Fünfjährige Liebe und Halt, hier erfährt sie sichere Strukturen und klare Regeln und hat darüber hinaus zwei große Schwestern und einen großen Bruder als Spielgefährten.

Familien wie die Scheuerers sind für Kommunen ein kostbares Gut. Als Pflegefamilien bieten sie Kindern, deren Eltern nicht für sie sorgen können, wollen oder dürfen, ein neues Zuhause und den Zusammenhalt einer Familie...

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Die Hörmeisterin

Seit ihrem zwölften Lebensjahr ist Evelyn Glennie nahezu taub. Dennoch hört kaum jemand intensiver als die schottische Schlagzeugerin – mit ihrem gesamten Körper!

crescendo / Januar 2018

Absolute Stille gibt es nicht, davon ist Evelyn Glennie überzeugt. Die Welt ist für Glennie stattdessen ein Kosmos an Vibrationen, der wummert und raunt, zittert und bebt. Am liebsten wäre es der schottischen Schlagzeugerin, dieser Text würde ausschließlich ihre Musik behandeln: ihr meisterhaftes Spiel mit den Percussion-Instrumenten, das einem mit seiner schwirrenden Virtuosität den Atem raubt, oder jene magischen Momente, in denen die Marimba unter ihren wirbelnden Händen zu singen beginnt. Aber ein Artikel ausschließlich über ihre Musik wäre zu kurz gegriffen. Denn Evelyn Glennie ist seit ihrer Jugend weitgehend taub und ihre Biografie nicht nur die Geschichte einer herausragenden Musikerin, sondern auch eine faszinierende Studie darüber, was „Hören“ bedeutet...

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Gipfeltreffen zweier Legenden – Evgeny Kissin erobert Beethovens solistisches Klavierwerk

Beethovens Musik ist für ihn wie eine Psychotherapie. Klavier-Legende Evgeny Kissin hat mit 45 Jahren sein erstes Beethoven-Album eingespielt.

crescendo / August 2017

Manche Künstler erlangen schon zu Lebzeiten Legendenstatus. Evgeny Kissin gehört dazu. Wunderkind, introvertiertes Tastengenie, ein Ausnahmekünstler nicht ganz von dieser Welt – zahlreiche Mythen eilen dem russischen Pianisten voraus.

Nun hat sich Kissin einer anderen Legende angenommen und bringt – zum ersten Mal in seiner Karriere – ein umfangreiches Album mit Solo-Werken von Ludwig van Beethoven heraus. Es wäre ein Leichtes für ihn gewesen, bereits als junger Überflieger mit diesen Stücken zu brillieren. Umso bemerkenswerter ist, wie lange sich der 45-Jährige Zeit gelassen hat mit dem komplexen Oeuvre des Komponisten und wie intensiv und selbstkritisch er sich bis heute damit auseinandersetzt.

„Als ausübende Musiker müssen wir versuchen, der Großartigkeit dieser Musik so nahe wie möglich zu kommen“, sagt Kissin an einem Sommertag in Prag und verschränkt demutsvoll die Hände ineinander. Der Musiker mit den weichen Gesichtszügen, den dunklen Locken und dem konzentrierten Blick scheint von einer Aura der Melancholie umgeben: Ein introvertierter Denker und kompromissloser Interpret, für den es keine Alternative gibt zur grenzgängerisch ernsthaften Auseinandersetzung mit der Musik...

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Den Schmerz verwandeln

Die armenische Pianistin Nareh Arghamanyan musste früh erwachsen werden. Heute ist Musik für sie Meditation und Medizin zugleich

CICERO / August 2017

Im Dezember 1988 bebte im Norden Armeniens rund um die Stadt Spitak minutenlang die Erde. Unzählige Häuser stürzten ein, ganze Stadtteile wurden verwüstet, mehr als 25.000 Menschen starben. Einen Monat später wurde im zwanzig Kilometer entfernten Wanadsor Nareh Arghamanyan geboren. Ein Säugling inmitten eines Meeres von Verzweiflung.

„In der Familie meines Vaters sind bei dem Erdbeben sieben Menschen ums Leben gekommen. Als ich kurz darauf auf die Welt kam, waren die Zeiten dunkel und in meiner Familie herrschte eine tiefe Traurigkeit“, erzählt die Pianistin in der Lobby eines Wiener Hotels und legt behutsam die Hände in den Schoß. Mit ihren 28 Jahren zählt die Musikerin mit den braunen langen Haaren und den markanten Gesichtszügen zur jungen Generation armenischer Künstler, die einem gebeutelten Land Hoffnung bringen und Perspektive. Aus ihren dunklen Augen und den Erzählungen ihres Lebens jedoch spricht die Reife und Melancholie einer Frau, die früh erwachsen werden musste...

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Ganz oder gar nicht

Das A-cappella-Sextett Singer Pur feiert seinen 25. Geburtstag

Fono Forum / Mai 2017

Die besten Ideen entstehen häufig bei Gesprächen zwischen Herd und Spülbecken. Auch bei Singer Pur war es eine Küche, in der die Erfolgsgeschichte des Ensembles ihren Anfang nahm. Anfang der 1990er Jahre trafen sich in Regensburg fünf junge Männer zum Frühstück. Alle waren sie bei den Regensburger Domspatzen gewesen, mittlerweile steckten sie im Studium oder Zivildienst. Ihr gemeinsamer Traum aber war die Gründung eines professionellen A cappella-Jazzensembles. Motiviert durch die Erfolge der King Singers und Take 6, beschlossen sie an diesem Morgen die Gründung von Singer Pur. „Ganz oder gar nicht“, lautete ihre Devise, halbe Sachen standen nicht zur Diskussion. Die Folge: Alle schmissen ihr Studium und machten Ernst. Täglich ab 9 Uhr wurde geprobt und Repertoire erarbeitet, parallel engagierten die Sänger einen Manager und stürzten sich in die Öffentlichkeitsarbeit. Sie schrieben Veranstalter an und kontaktierten Produzenten, noch vor dem ersten Konzert veröffentlichten sie ihr Debutalbum und hatten schon bald beachtlichen Erfolg...

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Klarinetten-Clan

Sie tun es alle: Papa und die zwei Brüder. Bei Ottensamers aus Wien greift jeder zum geschmeidigen Rohrblattinstrument. Und das, obwohl oder gerade weil es in der Familie auch etwas anderes gibt als die Musik.

crescendo / März 2017

Was man in die Wiege gelegt bekommt, ist Schicksal. Was man daraus macht, eine Frage von Talent und einer Portion Glück. Bei Andreas Ottensamer ist diese Mixtur vollendet aufgegangen. Mit seinen 27 Jahren ist der agile Klarinettist längst im Olymp der Klassikszene angekommen und hat es darüber hinaus geschafft, gleich in verschiedenen Bereichen parallel Karriere zu machen. Seit März 2011 ist er Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker, außerdem tourt er als Solist durch die Welt und schätzt das Musizieren in hochkarätig besetzten Kammermusik-Ensembles.

Ein Tag Anfang Februar in Wien. Andreas Ottensamer ist hier aufgewachsen und kehrt regelmäßig in seine alte Heimat zurück. Der hochgewachsene junge Mann mit den dunklen Haaren, den glatten Gesichtszügen und dem athletischen Gestus kommt knapp, eilt durch die verwinkelten Gänge des Künstlertrakts des Wiener Konzerthauses und lässt sich schließlich auf ein Sofa in der Kantine fallen. Seinem Aussehen nach könnte er Profisportler sein, Model oder beides gleichzeitig, im wahren Leben ist er einer der führenden Klarinettisten der Gegenwart. Am Vorabend hat er im Musikverein Mozarts Klarinettenkonzert interpretiert, heute stehen die Proben für die nächsten Konzerte an.

Nicht nur Andreas Ottensamer, auch seine gesamte Familie ist ein musikalisches Phänomen...

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Der stille Virtuose

Sein erstes Konzert gab Olivier Cavé mit der Camerata Lysy unter der Leitung von Yehudi Menuhin. Dann wurde der Schweizer der Liebling von Maria Tipo und gehört heute zu den feinsinnigsten Pianisten seiner Generation. Ein Treffen in Paris.

crescendo / Dezember 2016

Die Wege der Liebe sind unergründlich, das gilt auch für jene zwischen Musikern und ihrem Instrument. Mal begegnen sich die Protagonisten auf klassischen Pfaden, mal finden sie über verschlungene Irrwege zueinander, mal spielen verrückte Zufälle eine Rolle, mal wegweisende Begegnungen. Bei Olivier Cavé stand am Beginn seiner Liebe zum Klavier die Hilflosigkeit seiner Eltern. „Ich war ein seltsames Kind“, sagt der Pianist und lacht – zumindest haben ihm das seine Eltern erzählt. Auffallend still, in sich gekehrt und verschlossen sei er gewesen, und seine Eltern suchten nach einem Mittel, um ihn aus sich herauszulocken. Erst probierten sie es mit Sport. Als das nichts half, versuchten sie ihr Glück mit Musik...

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POSTKLASSISCH

Getragen von der Liebe zu seinen Landsleuten ist der junge Künstler Ólafur Arnalds auf die Suche gegangen nach isländischen Musikern, deren Leben und Kunst etwas erzählt von Island und dem Leben dort. Das Ergebnis ist eine intime und sehr persönliche Klangwanderung über die Insel.

crescendo / Oktober 2016

Die Winter sind eisig und die Sommer kurz, die Natur ist gewaltig und fast immer braust der Wind. Es gibt denkbar menschenfreundlichere Gegenden als Island. Und doch ist gerade jene Insel knapp südlich des nördlichen Polarkreises der Nährboden für eine außergewöhnlich kreative Musik-Szene, welche die Welt der Klassik regelmäßig überrascht und bereichert. Dort, wo sich in den Wintermonaten weniger als eine Stunde am Tag die Sonne zeigt und die erstarrten schwarzen Lavafelder von der mächtigen Kraft der Vulkane erzählen, findet sich eine auffallend hohe Dichte an jungen Künstlern, die scheinbar mühelos die stilistischen Grenzen überwinden und ebenso komplexe wie einnehmende neue Werke schaffen.

Einer jener isländischen Freigeister ist der Produzent und Komponist Ólafur Arnalds, ein schlaksiger junger Mann Ende zwanzig mit Drei-Tage-Bart, wachen hellblauen Augen und leiser Stimme. An einem Tag Anfang Juli sitzt Arnalds im beigen Wollpullover mit Wolf-Stickerei, einer schwarzen Hose und rotkarierten Socken auf einer sanften Hügelerhebung nahe dem Meer in Selvogur...

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Auf die Schönheit kommt es an

Der 92-jährige Pianist Menahem Pressler glaubt an eine bessere Welt

CICERO / Juli 2016

Die Besinnung auf die „Schönheit“ ist in Zeiten des Terrors und politischer Umbrüche nicht gerade en vogue. Viel eher werden kühler Intellekt gefordert und eine abgeklärte Beurteilung des status quo. Parallel zu jener Großwetterlage ist mit „Dieses Verlangen nach Schönheit. Gespräche über Musik“ nun ein Buch erschienen, das diesen scheinbaren Gegensatz mühelos aufhebt und kluge Analyse mit kindlicher Lebensfreude und starker Emotion vereint. Verkörpert wird diese ungewöhnliche Verbindung durch den Pianisten Menahem Pressler, der in Gesprächen mit dem Professor für Musik und Musikjournalismus Holger Noltze über sein Leben und die Musik reflektiert.

Schönheit. Dankbarkeit. Glück. Pressler wählt große Worte, um zu beschreiben, was ihm die Musik von Beginn an bedeutet hat und bis zum heutigen Tage schenkt. Als „zu schön, um wahr zu sein“ habe er manche Stücke empfunden, und derart intensiv, „dass das Herz überläuft“. Aus anderem Munde würde man diese Rhetorik als Kitsch oder Pathos empfinden. Bei Pressler jedoch berührt sie als intensiv erlebte und hart errungene Gewissheit eines Menschen, der mit seiner Biographie, seiner musikalischen Karriere und nicht zuletzt mit seinem Alter von mittlerweile 92 Jahren ein bewundernswertes Phänomen darstellt...

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