Texte

Vom Zweifeln und Hadern

Der Schauspieler Robert Stadlober taucht in der Hörbiographie „die Liebe liebt das Wandern“ tief ein in das Leben von Franz Schubert

crescendo / November 2020

Was wäre gewesen, wenn? Was war Zufall, was Fügung, was Glück, was Pech? Es gehört zum Faszinierendsten des Menschseins, dass sich die Auswirkungen von Ereignissen und Begegnungen auf das weitere Leben meist erst im Rückblick erschließen lassen. Besonders spannend ist dieses Phänomen bei der Rezeption von Kunst aus längst vergangenen Tagen zu erleben. Heute als Meisterwerk für sich betrachtet, entstand doch auch jedes Stück Musik, jedes Gemälde und jedes Gedicht immer im Kontext seiner Zeit, inspiriert oder herausgefordert durch gesellschaftliche und politische Ereignisse, als Widerhall auf persönliche Schicksalsschläge und eingebettet in die individuelle Lebenssituation und Gefühlslage seines Schöpfers. Die Hörbiografien, die bereits seit etlichen Jahren beim Bayerischen Rundfunk erscheinen, setzen genau hier an. Leben und Wirken eines Komponisten werden in diesem Format als Collage aus Musikwerken, Dokumenten, Tagebuchnotizen oder Briefen aufbereitet, wobei es gerade die Widersprüche, Ambivalenzen und Brüche sind, die im Rückblick aufhorchen lassen...

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„Rock it, Rudi!“

"Seelenverwandt und menschlich sehr nahe", so beschreibt der Pianist Rudolf Buchbinder sein Verhältnis zu Beethoven. Dessen Diabelli-Variationen sieht er als sein Lebenswerk. Und stellt ihnen verwandte Werke anderer Komponisten zur Seite. Das Ergebnis: mehr als einmal eine Verneigung vor Buchbinder.

crescendo / März 2020

Ein schlichtes „B“ steht neben der Klingel am Gartentor. „B“ wie Buchbinder. 73 Jahre alt, Weltklassepianist und längst ein Wiener Original. Seit über 40 Jahren wohnt Rudolf Buchbinder am Rande der österreichischen Hauptstadt. Von diesem Ort aus bereist der Künstler die Bühnen der Welt, gefeiert als hingebungsvoller Solist und passionierter Bühnenmensch mit brillanter Technik und ebenso direktem wie tiefgründigem Zugang zu den jeweiligen Stücken.

Buchbinder hat das Haus damals selbst entworfen und sein Arbeitszimmer unter dem Giebel so geplant, dass er vom Flügel aus durch die breiten Glasfronten auf die Wiener Hügel blicken kann. Auf der einen Seite des Raumes stehen zwei Steinway-Flügel, daneben thront die Beethoven-Büste, dahinter erstrecken sich prallgefüllte Regalwände mit Buchbinders Sammlung von Autographen und Erstausgaben, dem kompletten Werk von Shostakovich zum Beispiel, oder alleine 39 verschiedenen Erstausgaben der Beethoven Klaviersonaten. Auf der anderen Seite des Raumes nimmt der Pianist auf einem grauen Sofa mit aufgedruckten Klavieren Platz, nippt am „Kleinen Braunen“, öffnet später eine Cola und springt während des Gesprächs immer wieder unvermittelt auf. „Passen Sie auf, ich zeige Ihnen etwas“, ruft er inspiriert, eilt hinüber zur Regalwand und zieht zielsicher das jeweilige Stück heraus, von dem gerade die Rede war. Über den Flügel gebeugt, geht man mit Buchbinder dann auf Erkundungstour im Notationstext – empört sich über fehlerhafte Verlagseintragungen, entdeckt den Geschäftssinn eines Diabelli und Beethovens Vorliebe für sforzati.

Das Haus von Rudolf Buchbinder und seiner Frau ist eine Schatzkiste, prall gefüllt mit Zeugnissen eines reichen Künstlerlebens. Unzählige Bilder, Andenken und Widmungen an den Wänden und auf den Anrichten erzählen von Buchbinders Sinn für Kunst und seiner Freude an Geselligkeit...

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In der Welt nur liegt die Kraft

Der Dirigent Lionel Bringuier stammt aus Nizza und kehrte an die dortige Oper zurück. Weltweit tritt er auf, und immer braucht er das ganze laute Leben um sich herum

CICERO / Februar 2020

Lionel Bringuier mag das ungefilterte Rauschen des Alltags. Während andere Musiker jenseits der Bühne die Stille und die akustische Askese suchen, genießt Bringuier das laute Leben. Ein Vormittag Ende September in einem Café in der Altstadt von Nizza. Die Tische sind gut gefällt, aus dem Radio tönt Musik, hinter der Theke klappert das Geschirr. Mittendrin sitzt Lionel Bringuier, lächelt und nippt an seinem Espresso. „Ich brauche das um mich herum, die Leute, den Lärm“, sagt der Dirigent. Bringuier ist indes kein lauter Typ, sondern ein zugewandter und aufmerksamer Beobachter. Zum Dirigieren hat der 33-Jährige eher zufällig gefunden. Aufgewachsen in Nizza, war die dortige Oper schon früh sein „zweites Zuhause“. Mit fünf Jahren bekam er seinen ersten Cello-Unterricht und bald war ihm klar, dass er Musiker werden wollte. Mit 13 Jahren ging er ans Konservatorium nach Paris, parallel zum Cello-Studium begann er mit dem Dirigieren – es wurde sein Lebensinhalt. Doch auch wenn Bringuier mittlerweile ausschließlich vor dem Orchester steht, ist er in seinem Grundverständnis ein Kammermusiker geblieben. „Es ging mir nie darum, im Rampenlicht zu stehen“, sagt der Künstler. „Ich wollte immer schon einfach nur Musik mit anderen Menschen machen.“

Längst lebt er diesen Wunsch auf den großen Bühnen...

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Musikalischer Maskenspieler

Interview mit Philippe Jaroussky

crescendo / Februar 2019

Philippe Jaroussky hat sich mit seiner warmen Countertenor-Stimme ganz nach oben gesungen. Auf seinem neuen Album widmet sich der 41-jährige Künstler nun dem italienischen Frühbarock-Komponisten Francesco Cavalli und fasziniert mit einer aufregenden musikalischen Maskerade. Ein Gespräch über den kreativen Klangschöpfer, neue Formen der Männlichkeit und den Karneval in Venedig.

Sie haben das Fach des Countertenors einmal als neue Form der Männlichkeit bezeichnet. Was meinen Sie damit?

Ich glaube tatsächlich, dass der Countertenor für eine neue Form steht – oder besser gesagt für eine neue alte Form. (lacht) Die Einteilung der Stimmen in die weiblichen und die männlichen Fächer entspringt der romantischen Kategorisierung. Die Kastratenstimme stach dabei immer als besondere Art von Stimme hervor. Allerdings haben die Kastraten durchaus auch sehr starke Charaktere interpretiert. Sie hatten zwar hohe Stimmen, aber das hat nicht bedeutet, dass sie nicht auch männliche Parts übernommen hätten. Es ist sicher kein Zufall, dass nach Ende des 2. Weltkriegs auf einmal die Countertenöre wieder eine Rolle spielten. Der Krieg war so furchtbar gewesen, dass die Menschen diese starren Rollenbilder des Mannes, der in den Krieg zieht, und der Frau, die sich zuhause um die Kinder kümmert, nicht mehr wollten. Die Wiederentdeckung des Countertenors und überhaupt der hohen Stimmen in der Musik, war ein Weg zu sagen: Auch Frauen können stark sein und Männer dürfen ihre sensible Seite zeigen. Ein Mann kann weinen und eine Frau kann kämpfen...

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Der Puppenspieler

Der isländische Pianist Vikingur Olafsson entdeckt in Johann Sebastian Bach einen Zeitgenossen

CICERO / Dezember 2018

Eine endgültige Antwort gibt es nicht, das ist die einzige Gewissheit „Wenn jemand meint, bei Bach eine Lösung gefunden zu haben, dann liegt er ziemlich sicher falsch“, sagt der isländische Pianist Víkingur Ólafsson. Stattdessen seien da einzig „ganz wunderbare Fragen, die man stellen kann“, immer wieder neu und immer wieder anders.

Ólafsson ist einer der interessantesten Fragensteller der jungen Pianistengeneration und wartet in diesem Jahr mit gleich zwei Bach-Alben auf, einmal einem Konzeptalbum mit verschiedenen Originalen und Transkriptionen, einmal einer Zusammenstellung von Reworks. Im Alter von 34 Jahren gibt er damit ein bemerkenswertes Statement ab und entbehrt doch jeglicher Hybris.
Johann Sebastian Bach ist für den großen schmalen Mann mit den dunkelblonden Haaren und der schwarz umrandeten Brille ein enger Lebensbegleiter. Immer wieder aufs Neue hat er sich mit seiner Musik „von höchstem Anspruch und größter Tiefe“ auseinandergesetzt, diesem „Universum des Klangs und der Kontrapunktik“. Seine ersten musikalischen Erfahrungen machte Ólafsson schon pränatal...

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Frau Bürgermeisterin – das hat Seltenheitswert!

In Deutschlands Kommunalparlamenten gibt es extrem wenig Frauen. Nicht einmal jeder zehnte Bürgermeisterposten ist mit einer Frau besetzt. Woran liegt das? Und vor allem: Was können Parteien und Kommunen vor Ort aktiv tun, um die Frauenquote zu erhöhen?

KOMMUNAL / November 2018

Es war ein Meilenstein in der Geschichte der deutschen Demokratie: Seit 100 Jahren dürfen Frauen wählen und können gewählt werden. Seither ist viel passiert und die Gleichberechtigung scheint längst selbstverständlich. Einerseits. Andererseits zeigen die Zahlen nach wie vor einen enormen Nachholbedarf an. So sind auf Bundesebene gerade einmal ein Drittel der Abgeordneten im Bundestag weiblich, auf Kommunalebene sieht es noch schlechter aus. Nur etwa jedes zehnte Bürgermeisteramt ist mit einer Frau besetzt und auch in den Gemeinderäten sitzen meist deutlich mehr Männer als Frauen.
Begibt man sich auf die Suche nach den Gründen für diese Schieflage und spricht man mit Frauen, die es in kommunalpolitische Führungspositionen geschafft haben, so zeigt sich ein komplexes Bild.
„Frauen wägen oft mehr ab, trauen sich weniger zu und sind tendenziell skrupulöser“...

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Reines Konzentrat der Musik

Der russische Pianist Grigory Sokolov führt das Publikum in Passau an emotionale Grenzen

PNP / Juli 2018

Womöglich erwächst der Zauber der Musik gar nicht so sehr aus den Tönen selbst, sondern aus jenem geheimnisvollen Raum dazwischen. Der russische Pianist Grigory Sokolov ist ein Meister darin, diese Beziehung zwischen den einzelnen Noten zu gestalten und das pure, reine Konzentrat der Musik mit kompromissloser Ernsthaftigkeit in seinem Spiel freizulegen. Am Sonntagabend war er im Rahmen der Europäischen Wochen in Passau zu Gast und verwandelte den ausverkauften großen Rathaussaal für fesselnde zweieinhalb Stunden in eine Pilgerstätte höchster Konzentration...

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Mutter auf Zeit gesucht

Immer häufiger nimmt das Jugendamt Kinder in Obhut. Pflegefamilien werden dringend gesucht. Hier finden Kinder familiäre Strukturen und Kommunen zahlen weniger als für einen Pflegeheimplatz.

KOMMUNAL / Juni 2018

Bei Familie Scheuerer in Ruderting ist die Welt noch in Ordnung. An den Wänden hängen Familienfotos und bunte Kinderbilder, im Garten warten Trampolin und Sandkasten auf ihren Einsatz. Seit einer guten Woche lebt hier auch die kleine Alena (Name von der Redaktion geändert), ein lebhaftes, neugieriges Mädchen mit Pferdeschwanz und keckem Blick, das gerade auf den Schoß von Alexandra Scheuerer klettert und seiner Mama auf Zeit einen dicken Kuss auf die Wange drückt. „Alena ist sehr liebebedürftig“, wird Alexandra Scheuerer später mit einem Lächeln sagen. In dem gemütlichen Haus in Ruderting bekommt die Fünfjährige Liebe und Halt, hier erfährt sie sichere Strukturen und klare Regeln und hat darüber hinaus zwei große Schwestern und einen großen Bruder als Spielgefährten.

Familien wie die Scheuerers sind für Kommunen ein kostbares Gut. Als Pflegefamilien bieten sie Kindern, deren Eltern nicht für sie sorgen können, wollen oder dürfen, ein neues Zuhause und den Zusammenhalt einer Familie...

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Die Hörmeisterin

Seit ihrem zwölften Lebensjahr ist Evelyn Glennie nahezu taub. Dennoch hört kaum jemand intensiver als die schottische Schlagzeugerin – mit ihrem gesamten Körper!

crescendo / Januar 2018

Absolute Stille gibt es nicht, davon ist Evelyn Glennie überzeugt. Die Welt ist für Glennie stattdessen ein Kosmos an Vibrationen, der wummert und raunt, zittert und bebt. Am liebsten wäre es der schottischen Schlagzeugerin, dieser Text würde ausschließlich ihre Musik behandeln: ihr meisterhaftes Spiel mit den Percussion-Instrumenten, das einem mit seiner schwirrenden Virtuosität den Atem raubt, oder jene magischen Momente, in denen die Marimba unter ihren wirbelnden Händen zu singen beginnt. Aber ein Artikel ausschließlich über ihre Musik wäre zu kurz gegriffen. Denn Evelyn Glennie ist seit ihrer Jugend weitgehend taub und ihre Biografie nicht nur die Geschichte einer herausragenden Musikerin, sondern auch eine faszinierende Studie darüber, was „Hören“ bedeutet...

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Gipfeltreffen zweier Legenden – Evgeny Kissin erobert Beethovens solistisches Klavierwerk

Beethovens Musik ist für ihn wie eine Psychotherapie. Klavier-Legende Evgeny Kissin hat mit 45 Jahren sein erstes Beethoven-Album eingespielt.

crescendo / August 2017

Manche Künstler erlangen schon zu Lebzeiten Legendenstatus. Evgeny Kissin gehört dazu. Wunderkind, introvertiertes Tastengenie, ein Ausnahmekünstler nicht ganz von dieser Welt – zahlreiche Mythen eilen dem russischen Pianisten voraus.

Nun hat sich Kissin einer anderen Legende angenommen und bringt – zum ersten Mal in seiner Karriere – ein umfangreiches Album mit Solo-Werken von Ludwig van Beethoven heraus. Es wäre ein Leichtes für ihn gewesen, bereits als junger Überflieger mit diesen Stücken zu brillieren. Umso bemerkenswerter ist, wie lange sich der 45-Jährige Zeit gelassen hat mit dem komplexen Oeuvre des Komponisten und wie intensiv und selbstkritisch er sich bis heute damit auseinandersetzt.

„Als ausübende Musiker müssen wir versuchen, der Großartigkeit dieser Musik so nahe wie möglich zu kommen“, sagt Kissin an einem Sommertag in Prag und verschränkt demutsvoll die Hände ineinander. Der Musiker mit den weichen Gesichtszügen, den dunklen Locken und dem konzentrierten Blick scheint von einer Aura der Melancholie umgeben: Ein introvertierter Denker und kompromissloser Interpret, für den es keine Alternative gibt zur grenzgängerisch ernsthaften Auseinandersetzung mit der Musik...

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