Texte

Die Hörmeisterin

Seit ihrem zwölften Lebensjahr ist Evelyn Glennie nahezu taub. Dennoch hört kaum jemand intensiver als die schottische Schlagzeugerin – mit ihrem gesamten Körper!

crescendo / Januar 2018

Absolute Stille gibt es nicht, davon ist Evelyn Glennie überzeugt. Die Welt ist für Glennie stattdessen ein Kosmos an Vibrationen, der wummert und raunt, zittert und bebt. Am liebsten wäre es der schottischen Schlagzeugerin, dieser Text würde ausschließlich ihre Musik behandeln: ihr meisterhaftes Spiel mit den Percussion-Instrumenten, das einem mit seiner schwirrenden Virtuosität den Atem raubt, oder jene magischen Momente, in denen die Marimba unter ihren wirbelnden Händen zu singen beginnt. Aber ein Artikel ausschließlich über ihre Musik wäre zu kurz gegriffen. Denn Evelyn Glennie ist seit ihrer Jugend weitgehend taub und ihre Biografie nicht nur die Geschichte einer herausragenden Musikerin, sondern auch eine faszinierende Studie darüber, was „Hören“ bedeutet...

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Gipfeltreffen zweier Legenden – Evgeny Kissin erobert Beethovens solistisches Klavierwerk

Beethovens Musik ist für ihn wie eine Psychotherapie. Klavier-Legende Evgeny Kissin hat mit 45 Jahren sein erstes Beethoven-Album eingespielt.

crescendo / August 2017

Manche Künstler erlangen schon zu Lebzeiten Legendenstatus. Evgeny Kissin gehört dazu. Wunderkind, introvertiertes Tastengenie, ein Ausnahmekünstler nicht ganz von dieser Welt – zahlreiche Mythen eilen dem russischen Pianisten voraus.

Nun hat sich Kissin einer anderen Legende angenommen und bringt – zum ersten Mal in seiner Karriere – ein umfangreiches Album mit Solo-Werken von Ludwig van Beethoven heraus. Es wäre ein Leichtes für ihn gewesen, bereits als junger Überflieger mit diesen Stücken zu brillieren. Umso bemerkenswerter ist, wie lange sich der 45-Jährige Zeit gelassen hat mit dem komplexen Oeuvre des Komponisten und wie intensiv und selbstkritisch er sich bis heute damit auseinandersetzt.

„Als ausübende Musiker müssen wir versuchen, der Großartigkeit dieser Musik so nahe wie möglich zu kommen“, sagt Kissin an einem Sommertag in Prag und verschränkt demutsvoll die Hände ineinander. Der Musiker mit den weichen Gesichtszügen, den dunklen Locken und dem konzentrierten Blick scheint von einer Aura der Melancholie umgeben: Ein introvertierter Denker und kompromissloser Interpret, für den es keine Alternative gibt zur grenzgängerisch ernsthaften Auseinandersetzung mit der Musik...

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Den Schmerz verwandeln

Die armenische Pianistin Nareh Arghamanyan musste früh erwachsen werden. Heute ist Musik für sie Meditation und Medizin zugleich

CICERO / August 2017

Im Dezember 1988 bebte im Norden Armeniens rund um die Stadt Spitak minutenlang die Erde. Unzählige Häuser stürzten ein, ganze Stadtteile wurden verwüstet, mehr als 25.000 Menschen starben. Einen Monat später wurde im zwanzig Kilometer entfernten Wanadsor Nareh Arghamanyan geboren. Ein Säugling inmitten eines Meeres von Verzweiflung.

„In der Familie meines Vaters sind bei dem Erdbeben sieben Menschen ums Leben gekommen. Als ich kurz darauf auf die Welt kam, waren die Zeiten dunkel und in meiner Familie herrschte eine tiefe Traurigkeit“, erzählt die Pianistin in der Lobby eines Wiener Hotels und legt behutsam die Hände in den Schoß. Mit ihren 28 Jahren zählt die Musikerin mit den braunen langen Haaren und den markanten Gesichtszügen zur jungen Generation armenischer Künstler, die einem gebeutelten Land Hoffnung bringen und Perspektive. Aus ihren dunklen Augen und den Erzählungen ihres Lebens jedoch spricht die Reife und Melancholie einer Frau, die früh erwachsen werden musste...

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Ganz oder gar nicht

Das A-cappella-Sextett Singer Pur feiert seinen 25. Geburtstag

Fono Forum / Mai 2017

Die besten Ideen entstehen häufig bei Gesprächen zwischen Herd und Spülbecken. Auch bei Singer Pur war es eine Küche, in der die Erfolgsgeschichte des Ensembles ihren Anfang nahm. Anfang der 1990er Jahre trafen sich in Regensburg fünf junge Männer zum Frühstück. Alle waren sie bei den Regensburger Domspatzen gewesen, mittlerweile steckten sie im Studium oder Zivildienst. Ihr gemeinsamer Traum aber war die Gründung eines professionellen A cappella-Jazzensembles. Motiviert durch die Erfolge der King Singers und Take 6, beschlossen sie an diesem Morgen die Gründung von Singer Pur. „Ganz oder gar nicht“, lautete ihre Devise, halbe Sachen standen nicht zur Diskussion. Die Folge: Alle schmissen ihr Studium und machten Ernst. Täglich ab 9 Uhr wurde geprobt und Repertoire erarbeitet, parallel engagierten die Sänger einen Manager und stürzten sich in die Öffentlichkeitsarbeit. Sie schrieben Veranstalter an und kontaktierten Produzenten, noch vor dem ersten Konzert veröffentlichten sie ihr Debutalbum und hatten schon bald beachtlichen Erfolg...

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Klarinetten-Clan

Sie tun es alle: Papa und die zwei Brüder. Bei Ottensamers aus Wien greift jeder zum geschmeidigen Rohrblattinstrument. Und das, obwohl oder gerade weil es in der Familie auch etwas anderes gibt als die Musik.

crescendo / März 2017

Was man in die Wiege gelegt bekommt, ist Schicksal. Was man daraus macht, eine Frage von Talent und einer Portion Glück. Bei Andreas Ottensamer ist diese Mixtur vollendet aufgegangen. Mit seinen 27 Jahren ist der agile Klarinettist längst im Olymp der Klassikszene angekommen und hat es darüber hinaus geschafft, gleich in verschiedenen Bereichen parallel Karriere zu machen. Seit März 2011 ist er Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker, außerdem tourt er als Solist durch die Welt und schätzt das Musizieren in hochkarätig besetzten Kammermusik-Ensembles.

Ein Tag Anfang Februar in Wien. Andreas Ottensamer ist hier aufgewachsen und kehrt regelmäßig in seine alte Heimat zurück. Der hochgewachsene junge Mann mit den dunklen Haaren, den glatten Gesichtszügen und dem athletischen Gestus kommt knapp, eilt durch die verwinkelten Gänge des Künstlertrakts des Wiener Konzerthauses und lässt sich schließlich auf ein Sofa in der Kantine fallen. Seinem Aussehen nach könnte er Profisportler sein, Model oder beides gleichzeitig, im wahren Leben ist er einer der führenden Klarinettisten der Gegenwart. Am Vorabend hat er im Musikverein Mozarts Klarinettenkonzert interpretiert, heute stehen die Proben für die nächsten Konzerte an.

Nicht nur Andreas Ottensamer, auch seine gesamte Familie ist ein musikalisches Phänomen...

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Der stille Virtuose

Sein erstes Konzert gab Olivier Cavé mit der Camerata Lysy unter der Leitung von Yehudi Menuhin. Dann wurde der Schweizer der Liebling von Maria Tipo und gehört heute zu den feinsinnigsten Pianisten seiner Generation. Ein Treffen in Paris.

crescendo / Dezember 2016

Die Wege der Liebe sind unergründlich, das gilt auch für jene zwischen Musikern und ihrem Instrument. Mal begegnen sich die Protagonisten auf klassischen Pfaden, mal finden sie über verschlungene Irrwege zueinander, mal spielen verrückte Zufälle eine Rolle, mal wegweisende Begegnungen. Bei Olivier Cavé stand am Beginn seiner Liebe zum Klavier die Hilflosigkeit seiner Eltern. „Ich war ein seltsames Kind“, sagt der Pianist und lacht – zumindest haben ihm das seine Eltern erzählt. Auffallend still, in sich gekehrt und verschlossen sei er gewesen, und seine Eltern suchten nach einem Mittel, um ihn aus sich herauszulocken. Erst probierten sie es mit Sport. Als das nichts half, versuchten sie ihr Glück mit Musik...

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POSTKLASSISCH

Getragen von der Liebe zu seinen Landsleuten ist der junge Künstler Ólafur Arnalds auf die Suche gegangen nach isländischen Musikern, deren Leben und Kunst etwas erzählt von Island und dem Leben dort. Das Ergebnis ist eine intime und sehr persönliche Klangwanderung über die Insel.

crescendo / Oktober 2016

Die Winter sind eisig und die Sommer kurz, die Natur ist gewaltig und fast immer braust der Wind. Es gibt denkbar menschenfreundlichere Gegenden als Island. Und doch ist gerade jene Insel knapp südlich des nördlichen Polarkreises der Nährboden für eine außergewöhnlich kreative Musik-Szene, welche die Welt der Klassik regelmäßig überrascht und bereichert. Dort, wo sich in den Wintermonaten weniger als eine Stunde am Tag die Sonne zeigt und die erstarrten schwarzen Lavafelder von der mächtigen Kraft der Vulkane erzählen, findet sich eine auffallend hohe Dichte an jungen Künstlern, die scheinbar mühelos die stilistischen Grenzen überwinden und ebenso komplexe wie einnehmende neue Werke schaffen.

Einer jener isländischen Freigeister ist der Produzent und Komponist Ólafur Arnalds, ein schlaksiger junger Mann Ende zwanzig mit Drei-Tage-Bart, wachen hellblauen Augen und leiser Stimme. An einem Tag Anfang Juli sitzt Arnalds im beigen Wollpullover mit Wolf-Stickerei, einer schwarzen Hose und rotkarierten Socken auf einer sanften Hügelerhebung nahe dem Meer in Selvogur...

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Auf die Schönheit kommt es an

Der 92-jährige Pianist Menahem Pressler glaubt an eine bessere Welt

CICERO / Juli 2016

Die Besinnung auf die „Schönheit“ ist in Zeiten des Terrors und politischer Umbrüche nicht gerade en vogue. Viel eher werden kühler Intellekt gefordert und eine abgeklärte Beurteilung des status quo. Parallel zu jener Großwetterlage ist mit „Dieses Verlangen nach Schönheit. Gespräche über Musik“ nun ein Buch erschienen, das diesen scheinbaren Gegensatz mühelos aufhebt und kluge Analyse mit kindlicher Lebensfreude und starker Emotion vereint. Verkörpert wird diese ungewöhnliche Verbindung durch den Pianisten Menahem Pressler, der in Gesprächen mit dem Professor für Musik und Musikjournalismus Holger Noltze über sein Leben und die Musik reflektiert.

Schönheit. Dankbarkeit. Glück. Pressler wählt große Worte, um zu beschreiben, was ihm die Musik von Beginn an bedeutet hat und bis zum heutigen Tage schenkt. Als „zu schön, um wahr zu sein“ habe er manche Stücke empfunden, und derart intensiv, „dass das Herz überläuft“. Aus anderem Munde würde man diese Rhetorik als Kitsch oder Pathos empfinden. Bei Pressler jedoch berührt sie als intensiv erlebte und hart errungene Gewissheit eines Menschen, der mit seiner Biographie, seiner musikalischen Karriere und nicht zuletzt mit seinem Alter von mittlerweile 92 Jahren ein bewundernswertes Phänomen darstellt...

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Klick, klickedi, klack. Klickklack

Einsame Tänze: Perikles Monioudis macht Fred Astaire zum Romanhelden

CICERO / April 2016

Der fragile Zauber des Schönen beruht auf seiner Vergänglichkeit. Keine Perfektion vermag der Endlichkeit zu trotzen, so vehement sie auch verfolgt wird, so unantastbar sie auch scheint. Bekommt die Oberfläche Risse, wird ihr Glanz fahl und ihr Widerschein stumpf, ist Zeit für den düsteren Abgesang. Was war ist vorüber, übersättigte Bewunderung weicht der voyeuristischen Freude am Scheitern. „War da etwas Vergnüglicheres, als Dilettanten beim Scheitern zuzusehen? Ja, die Begabten in ihrem Scheitern zu verfolgen, das dann einem wirklichen Scheitern gleichkommt. Dem umfassenden Mißerfolg der Begabten beizuwohnen, der Tragödie, ihrer Tragödie, das ist das Größte.“

In seinem Roman „Frederick“ zelebriert der Schweizer Schriftsteller Perikles Monioudis die wahnhafte Angst vor dem Scheitern und nähert sich mit dem sezierenden Blick eines Seelen-Forschers dem Inbegriff perfekter Ästhetik: Fred Astaire, Steptänzer, Jahrhundertkünstler, akribischer Perfektionist und introvertierter Grübler, besessen vom Rhythmus und akkurat bis zur Selbstzerfleischung...

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„Und dann wurde es gefährlich“

Dennis Russell Davies und seine Frau Maki Namekawa haben ihre Trilogie der Einspielung von Strawinsky-Balletten vollendet. Als Klavierduo geben sie im Sommer ein Konzert bei den Salzburger Festspielen.

crescendo / Festspielguide 2016/17

Kann man Liebe eigentlich hören? Trifft man Dennis Russell Davies und seine Frau Maki Namekawa, ist das Liebes- vom Musikerpaar kaum zu trennen. „Wir leben zusammen und wir musizieren zusammen – das ist wunderschön und ich liebe es, mit Maki zu spielen“, sagt Davies. „In Wirklichkeit hat er Angst vor mir“, sagt diese da grinsend und bricht in Gelächter aus. Seit über zehn Jahren musizieren die beiden miteinander, beinahe ebenso lange sind sie ein Paar, mittlerweile sind sie verheiratet.

Einmal ist da das Klavierduo Russell-Namekawa, die klingende Fusion zweier begnadeter und kluger Musikerpersönlichkeiten, faszinierend homogen im Zusammenspiel und einnehmend in seiner kraftvollen wie sensiblen Durchdringung komplexer Strukturen. Und dann sind da zwei Charaktere, die augenscheinlich sehr unterschiedlich sind.
Dennis Russell Davies: ein kritischer Denker, der sorgsam seine Worte wählt, die Arme verschränkt, die Stirn in Falten, um den Mund ein verschmitztes Grinsen. Seit 2002 ist er Chefdirigent des Linzer Brucknerorchesters und bis zum Ende der Saison 15/16 zudem Chefdirigent des Sinfonieorchesters in Basel.

Maki Namekawa: eine quirlige Frau, die gerne lacht und ihre Sätze mit lebhafter Gestik begleitet, deutlich jünger als Davies und eine ausgezeichnete Pianistin mit Faible für zeitgenössische Kompositionen.
Kennengelernt haben sich die beiden 2005, als beim Klavierfestival Ruhr das „Ballet Mécanique“ von George Antheil aufgeführt wurde. Namekawa spielte Klavier, Davies dirigierte, der Kontakt blieb und irgendwann haben sie dann auch vierhändig miteinander gespielt. „Und dann wurde es gefährlich“, erzählt Davies und lacht...

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