Kategorie: crescendo

Vom Zweifeln und Hadern

Der Schauspieler Robert Stadlober taucht in der Hörbiographie „die Liebe liebt das Wandern“ tief ein in das Leben von Franz Schubert

crescendo / November 2020

Was wäre gewesen, wenn? Was war Zufall, was Fügung, was Glück, was Pech? Es gehört zum Faszinierendsten des Menschseins, dass sich die Auswirkungen von Ereignissen und Begegnungen auf das weitere Leben meist erst im Rückblick erschließen lassen. Besonders spannend ist dieses Phänomen bei der Rezeption von Kunst aus längst vergangenen Tagen zu erleben. Heute als Meisterwerk für sich betrachtet, entstand doch auch jedes Stück Musik, jedes Gemälde und jedes Gedicht immer im Kontext seiner Zeit, inspiriert oder herausgefordert durch gesellschaftliche und politische Ereignisse, als Widerhall auf persönliche Schicksalsschläge und eingebettet in die individuelle Lebenssituation und Gefühlslage seines Schöpfers. Die Hörbiografien, die bereits seit etlichen Jahren beim Bayerischen Rundfunk erscheinen, setzen genau hier an. Leben und Wirken eines Komponisten werden in diesem Format als Collage aus Musikwerken, Dokumenten, Tagebuchnotizen oder Briefen aufbereitet, wobei es gerade die Widersprüche, Ambivalenzen und Brüche sind, die im Rückblick aufhorchen lassen...

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Musikalischer Maskenspieler

Interview mit Philippe Jaroussky

crescendo / Februar 2019

Philippe Jaroussky hat sich mit seiner warmen Countertenor-Stimme ganz nach oben gesungen. Auf seinem neuen Album widmet sich der 41-jährige Künstler nun dem italienischen Frühbarock-Komponisten Francesco Cavalli und fasziniert mit einer aufregenden musikalischen Maskerade. Ein Gespräch über den kreativen Klangschöpfer, neue Formen der Männlichkeit und den Karneval in Venedig.

Sie haben das Fach des Countertenors einmal als neue Form der Männlichkeit bezeichnet. Was meinen Sie damit?

Ich glaube tatsächlich, dass der Countertenor für eine neue Form steht – oder besser gesagt für eine neue alte Form. (lacht) Die Einteilung der Stimmen in die weiblichen und die männlichen Fächer entspringt der romantischen Kategorisierung. Die Kastratenstimme stach dabei immer als besondere Art von Stimme hervor. Allerdings haben die Kastraten durchaus auch sehr starke Charaktere interpretiert. Sie hatten zwar hohe Stimmen, aber das hat nicht bedeutet, dass sie nicht auch männliche Parts übernommen hätten. Es ist sicher kein Zufall, dass nach Ende des 2. Weltkriegs auf einmal die Countertenöre wieder eine Rolle spielten. Der Krieg war so furchtbar gewesen, dass die Menschen diese starren Rollenbilder des Mannes, der in den Krieg zieht, und der Frau, die sich zuhause um die Kinder kümmert, nicht mehr wollten. Die Wiederentdeckung des Countertenors und überhaupt der hohen Stimmen in der Musik, war ein Weg zu sagen: Auch Frauen können stark sein und Männer dürfen ihre sensible Seite zeigen. Ein Mann kann weinen und eine Frau kann kämpfen...

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Die Hörmeisterin

Seit ihrem zwölften Lebensjahr ist Evelyn Glennie nahezu taub. Dennoch hört kaum jemand intensiver als die schottische Schlagzeugerin – mit ihrem gesamten Körper!

crescendo / Januar 2018

Absolute Stille gibt es nicht, davon ist Evelyn Glennie überzeugt. Die Welt ist für Glennie stattdessen ein Kosmos an Vibrationen, der wummert und raunt, zittert und bebt. Am liebsten wäre es der schottischen Schlagzeugerin, dieser Text würde ausschließlich ihre Musik behandeln: ihr meisterhaftes Spiel mit den Percussion-Instrumenten, das einem mit seiner schwirrenden Virtuosität den Atem raubt, oder jene magischen Momente, in denen die Marimba unter ihren wirbelnden Händen zu singen beginnt. Aber ein Artikel ausschließlich über ihre Musik wäre zu kurz gegriffen. Denn Evelyn Glennie ist seit ihrer Jugend weitgehend taub und ihre Biografie nicht nur die Geschichte einer herausragenden Musikerin, sondern auch eine faszinierende Studie darüber, was „Hören“ bedeutet...

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Der stille Virtuose

Sein erstes Konzert gab Olivier Cavé mit der Camerata Lysy unter der Leitung von Yehudi Menuhin. Dann wurde der Schweizer der Liebling von Maria Tipo und gehört heute zu den feinsinnigsten Pianisten seiner Generation. Ein Treffen in Paris.

crescendo / Dezember 2016

Die Wege der Liebe sind unergründlich, das gilt auch für jene zwischen Musikern und ihrem Instrument. Mal begegnen sich die Protagonisten auf klassischen Pfaden, mal finden sie über verschlungene Irrwege zueinander, mal spielen verrückte Zufälle eine Rolle, mal wegweisende Begegnungen. Bei Olivier Cavé stand am Beginn seiner Liebe zum Klavier die Hilflosigkeit seiner Eltern. „Ich war ein seltsames Kind“, sagt der Pianist und lacht – zumindest haben ihm das seine Eltern erzählt. Auffallend still, in sich gekehrt und verschlossen sei er gewesen, und seine Eltern suchten nach einem Mittel, um ihn aus sich herauszulocken. Erst probierten sie es mit Sport. Als das nichts half, versuchten sie ihr Glück mit Musik...

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„Und dann wurde es gefährlich“

Dennis Russell Davies und seine Frau Maki Namekawa haben ihre Trilogie der Einspielung von Strawinsky-Balletten vollendet. Als Klavierduo geben sie im Sommer ein Konzert bei den Salzburger Festspielen.

crescendo / Festspielguide 2016/17

Kann man Liebe eigentlich hören? Trifft man Dennis Russell Davies und seine Frau Maki Namekawa, ist das Liebes- vom Musikerpaar kaum zu trennen. „Wir leben zusammen und wir musizieren zusammen – das ist wunderschön und ich liebe es, mit Maki zu spielen“, sagt Davies. „In Wirklichkeit hat er Angst vor mir“, sagt diese da grinsend und bricht in Gelächter aus. Seit über zehn Jahren musizieren die beiden miteinander, beinahe ebenso lange sind sie ein Paar, mittlerweile sind sie verheiratet.

Einmal ist da das Klavierduo Russell-Namekawa, die klingende Fusion zweier begnadeter und kluger Musikerpersönlichkeiten, faszinierend homogen im Zusammenspiel und einnehmend in seiner kraftvollen wie sensiblen Durchdringung komplexer Strukturen. Und dann sind da zwei Charaktere, die augenscheinlich sehr unterschiedlich sind.
Dennis Russell Davies: ein kritischer Denker, der sorgsam seine Worte wählt, die Arme verschränkt, die Stirn in Falten, um den Mund ein verschmitztes Grinsen. Seit 2002 ist er Chefdirigent des Linzer Brucknerorchesters und bis zum Ende der Saison 15/16 zudem Chefdirigent des Sinfonieorchesters in Basel.

Maki Namekawa: eine quirlige Frau, die gerne lacht und ihre Sätze mit lebhafter Gestik begleitet, deutlich jünger als Davies und eine ausgezeichnete Pianistin mit Faible für zeitgenössische Kompositionen.
Kennengelernt haben sich die beiden 2005, als beim Klavierfestival Ruhr das „Ballet Mécanique“ von George Antheil aufgeführt wurde. Namekawa spielte Klavier, Davies dirigierte, der Kontakt blieb und irgendwann haben sie dann auch vierhändig miteinander gespielt. „Und dann wurde es gefährlich“, erzählt Davies und lacht...

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Die fabelhafte, eigenwillige, wundersame Welt des Grigory Sokolov

Der russische Pianist bleibt vielen ein Rätsel: Anstelle von lästigen Interviews beschäftigt er sich lieber mit Seriennummern seiner Konzertflügel oder dem Innenleben eines Flugzeugmotors. Nach 20 Jahren gibt es jetzt zumindest ein Album – ein Live-Mitschnitt aus dem Jahr 2008 zwar, aber immerhin. Ein Versuch einer Annäherung.

crescendo / Februar 2015

Der Mann ist eine Ahnung, ein Schatten, ein Phantom. Sein Mythos eilt ihm weit voraus, und wo auch immer er spielt, hinterlässt er ergriffene Herzen. Sokolov selbst jedoch verbleibt im Dunkeln. Wenn man so will, ist der 64-Jährige der letzte große Pianist der alten russischen Schule. Seine musikalischen Vorfahren heißen Anton Rubinstein, Vladimir Sofronizki und Emil Gilels, sein Spiel ist die furiose Vereinigung von technischer Elastizität, dynamischem Volumen und filigraner Farbgebung. Und doch: Sokolov entzieht sich jedem Vergleich, bleibt singulär und rätselhaft...

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Die Schattenmänner

Während die Solisten alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, werden Begleiter am Klavier oft nur im Nebensatz erwähnt.
Dorothea Walchshäusl traf drei Pianisten, die das ganz anders sehen.

crescendo / Dezember 2014

Es war kurz nach einem Konzert. Zwei Stunden lang hatte Gerold Huber vorne auf der Bühne alles gegeben: Er hatte den Tasten des Flügels die feinsten Nuancen entlockt, er hatte die tiefenpsychologischen Zwischentöne in der Unterstimme herausgekitzelt und mit ungebremster Hingabe musikalische Dramen durchlitten. Lied um Lied ein Genuss, Standing Ovations, Zugabe. Wenige Minuten später: Huber begegnet einem der zahlreichen Gäste im Publikum und wird lange mit rätselndem Blick gemustert. Dann fragend der Gast: „Also irgendwo habe ich Sie ja schon einmal gesehen… kennen wir uns?“ Gerold Huber lacht schallend, wenn er diese Geschichte erzählt, er liebt das Understatement und noch mehr liebt er seinen Beruf...

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John & Arthur Beare: Erste Adresse für Streichinstrumente

crescendo / Oktober 2014

Das Herz der Firma „J & A Beare“ im schmucken Gebäude in der Londoner Queen Anne Street 30 schlägt im Keller rechts hinten, gleich neben verstaubten Geigenkoffern, gelagerten Holzbrettern und ein paar Pappkartons. „Anti Explosive & Anti-Blowpipe Devices“ prangt dort auf einer tonnenschweren Stahltür, dahinter verborgen schlummern einbruchsicher und wohlbehütet die Kronjuwelen unter den Streichinstrumenten: Celli und Geigen, die so viel kosten wie eine Villa an der Côte d’Azur. „Wir haben Zeiten, in denen lagern hier Instrumente im Wert von 100 Millionen Dollar“, sagt Direktor Steven Smith und lächelt leise, dann streicht er zärtlich über den Hals einer haselnussbraunen Stradivari und legt sie zurück in das schlichte Aufbewahrungsfach. Das fensterlose Kellerloch mit den Holzregalen ist für Smith der wohl „sicherste Ort der Welt“ für derartige Werte, zuhauf liegen und stehen sie hier in diesem Tresor, jedes Ins­trument für sich ein Geniestreich, ein Meisterwerk mit großer Geschichte und einem Klang für die Ewigkeit...

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„Es gab auch Vollkatastrophen“

Interview mit dem Tenor Werner Güra

crescendo / Juni 2014

Tenor Werner Güra ist ein Meister seines Fachs, sensibler Interpret, aber auch kritischer Beobachter des aktuellen Musikbetriebs. Ein Gespräch über Moorleichen bei Haydn, Räubergeschichten bei Wagner und seine ambivalente Beziehung zur Oper...

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