Ganz oder gar nicht

Das A-cappella-Sextett Singer Pur feiert seinen 25. Geburtstag

Fono Forum / Mai 2017

Die besten Ideen entstehen häufig bei Gesprächen zwischen Herd und Spülbecken. Auch bei Singer Pur war es eine Küche, in der die Erfolgsgeschichte des Ensembles ihren Anfang nahm. Anfang der 1990er Jahre trafen sich in Regensburg fünf junge Männer zum Frühstück. Alle waren sie bei den Regensburger Domspatzen gewesen, mittlerweile steckten sie im Studium oder Zivildienst. Ihr gemeinsamer Traum aber war die Gründung eines professionellen A cappella-Jazzensembles. Motiviert durch die Erfolge der King Singers und Take 6, beschlossen sie an diesem Morgen die Gründung von Singer Pur. „Ganz oder gar nicht“, lautete ihre Devise, halbe Sachen standen nicht zur Diskussion. Die Folge: Alle schmissen ihr Studium und machten Ernst. Täglich ab 9 Uhr wurde geprobt und Repertoire erarbeitet, parallel engagierten die Sänger einen Manager und stürzten sich in die Öffentlichkeitsarbeit. Sie schrieben Veranstalter an und kontaktierten Produzenten, noch vor dem ersten Konzert veröffentlichten sie ihr Debutalbum und hatten schon bald beachtlichen Erfolg...

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Klarinetten-Clan

Sie tun es alle: Papa und die zwei Brüder. Bei Ottensamers aus Wien greift jeder zum geschmeidigen Rohrblattinstrument. Und das, obwohl oder gerade weil es in der Familie auch etwas anderes gibt als die Musik.

crescendo / März 2017

Was man in die Wiege gelegt bekommt, ist Schicksal. Was man daraus macht, eine Frage von Talent und einer Portion Glück. Bei Andreas Ottensamer ist diese Mixtur vollendet aufgegangen. Mit seinen 27 Jahren ist der agile Klarinettist längst im Olymp der Klassikszene angekommen und hat es darüber hinaus geschafft, gleich in verschiedenen Bereichen parallel Karriere zu machen. Seit März 2011 ist er Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker, außerdem tourt er als Solist durch die Welt und schätzt das Musizieren in hochkarätig besetzten Kammermusik-Ensembles.

Ein Tag Anfang Februar in Wien. Andreas Ottensamer ist hier aufgewachsen und kehrt regelmäßig in seine alte Heimat zurück. Der hochgewachsene junge Mann mit den dunklen Haaren, den glatten Gesichtszügen und dem athletischen Gestus kommt knapp, eilt durch die verwinkelten Gänge des Künstlertrakts des Wiener Konzerthauses und lässt sich schließlich auf ein Sofa in der Kantine fallen. Seinem Aussehen nach könnte er Profisportler sein, Model oder beides gleichzeitig, im wahren Leben ist er einer der führenden Klarinettisten der Gegenwart. Am Vorabend hat er im Musikverein Mozarts Klarinettenkonzert interpretiert, heute stehen die Proben für die nächsten Konzerte an.

Nicht nur Andreas Ottensamer, auch seine gesamte Familie ist ein musikalisches Phänomen...

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Der stille Virtuose

Sein erstes Konzert gab Olivier Cavé mit der Camerata Lysy unter der Leitung von Yehudi Menuhin. Dann wurde der Schweizer der Liebling von Maria Tipo und gehört heute zu den feinsinnigsten Pianisten seiner Generation. Ein Treffen in Paris.

crescendo / Dezember 2016

Die Wege der Liebe sind unergründlich, das gilt auch für jene zwischen Musikern und ihrem Instrument. Mal begegnen sich die Protagonisten auf klassischen Pfaden, mal finden sie über verschlungene Irrwege zueinander, mal spielen verrückte Zufälle eine Rolle, mal wegweisende Begegnungen. Bei Olivier Cavé stand am Beginn seiner Liebe zum Klavier die Hilflosigkeit seiner Eltern. „Ich war ein seltsames Kind“, sagt der Pianist und lacht – zumindest haben ihm das seine Eltern erzählt. Auffallend still, in sich gekehrt und verschlossen sei er gewesen, und seine Eltern suchten nach einem Mittel, um ihn aus sich herauszulocken. Erst probierten sie es mit Sport. Als das nichts half, versuchten sie ihr Glück mit Musik...

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POSTKLASSISCH

Getragen von der Liebe zu seinen Landsleuten ist der junge Künstler Ólafur Arnalds auf die Suche gegangen nach isländischen Musikern, deren Leben und Kunst etwas erzählt von Island und dem Leben dort. Das Ergebnis ist eine intime und sehr persönliche Klangwanderung über die Insel.

crescendo / Oktober 2016

Die Winter sind eisig und die Sommer kurz, die Natur ist gewaltig und fast immer braust der Wind. Es gibt denkbar menschenfreundlichere Gegenden als Island. Und doch ist gerade jene Insel knapp südlich des nördlichen Polarkreises der Nährboden für eine außergewöhnlich kreative Musik-Szene, welche die Welt der Klassik regelmäßig überrascht und bereichert. Dort, wo sich in den Wintermonaten weniger als eine Stunde am Tag die Sonne zeigt und die erstarrten schwarzen Lavafelder von der mächtigen Kraft der Vulkane erzählen, findet sich eine auffallend hohe Dichte an jungen Künstlern, die scheinbar mühelos die stilistischen Grenzen überwinden und ebenso komplexe wie einnehmende neue Werke schaffen.

Einer jener isländischen Freigeister ist der Produzent und Komponist Ólafur Arnalds, ein schlaksiger junger Mann Ende zwanzig mit Drei-Tage-Bart, wachen hellblauen Augen und leiser Stimme. An einem Tag Anfang Juli sitzt Arnalds im beigen Wollpullover mit Wolf-Stickerei, einer schwarzen Hose und rotkarierten Socken auf einer sanften Hügelerhebung nahe dem Meer in Selvogur...

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Auf die Schönheit kommt es an

Der 92-jährige Pianist Menahem Pressler glaubt an eine bessere Welt

CICERO / Juli 2016

Die Besinnung auf die „Schönheit“ ist in Zeiten des Terrors und politischer Umbrüche nicht gerade en vogue. Viel eher werden kühler Intellekt gefordert und eine abgeklärte Beurteilung des status quo. Parallel zu jener Großwetterlage ist mit „Dieses Verlangen nach Schönheit. Gespräche über Musik“ nun ein Buch erschienen, das diesen scheinbaren Gegensatz mühelos aufhebt und kluge Analyse mit kindlicher Lebensfreude und starker Emotion vereint. Verkörpert wird diese ungewöhnliche Verbindung durch den Pianisten Menahem Pressler, der in Gesprächen mit dem Professor für Musik und Musikjournalismus Holger Noltze über sein Leben und die Musik reflektiert.

Schönheit. Dankbarkeit. Glück. Pressler wählt große Worte, um zu beschreiben, was ihm die Musik von Beginn an bedeutet hat und bis zum heutigen Tage schenkt. Als „zu schön, um wahr zu sein“ habe er manche Stücke empfunden, und derart intensiv, „dass das Herz überläuft“. Aus anderem Munde würde man diese Rhetorik als Kitsch oder Pathos empfinden. Bei Pressler jedoch berührt sie als intensiv erlebte und hart errungene Gewissheit eines Menschen, der mit seiner Biographie, seiner musikalischen Karriere und nicht zuletzt mit seinem Alter von mittlerweile 92 Jahren ein bewundernswertes Phänomen darstellt...

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Klick, klickedi, klack. Klickklack

Einsame Tänze: Perikles Monioudis macht Fred Astaire zum Romanhelden

CICERO / April 2016

Der fragile Zauber des Schönen beruht auf seiner Vergänglichkeit. Keine Perfektion vermag der Endlichkeit zu trotzen, so vehement sie auch verfolgt wird, so unantastbar sie auch scheint. Bekommt die Oberfläche Risse, wird ihr Glanz fahl und ihr Widerschein stumpf, ist Zeit für den düsteren Abgesang. Was war ist vorüber, übersättigte Bewunderung weicht der voyeuristischen Freude am Scheitern. „War da etwas Vergnüglicheres, als Dilettanten beim Scheitern zuzusehen? Ja, die Begabten in ihrem Scheitern zu verfolgen, das dann einem wirklichen Scheitern gleichkommt. Dem umfassenden Mißerfolg der Begabten beizuwohnen, der Tragödie, ihrer Tragödie, das ist das Größte.“

In seinem Roman „Frederick“ zelebriert der Schweizer Schriftsteller Perikles Monioudis die wahnhafte Angst vor dem Scheitern und nähert sich mit dem sezierenden Blick eines Seelen-Forschers dem Inbegriff perfekter Ästhetik: Fred Astaire, Steptänzer, Jahrhundertkünstler, akribischer Perfektionist und introvertierter Grübler, besessen vom Rhythmus und akkurat bis zur Selbstzerfleischung...

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„Und dann wurde es gefährlich“

Dennis Russell Davies und seine Frau Maki Namekawa haben ihre Trilogie der Einspielung von Strawinsky-Balletten vollendet. Als Klavierduo geben sie im Sommer ein Konzert bei den Salzburger Festspielen.

crescendo / Festspielguide 2016/17

Kann man Liebe eigentlich hören? Trifft man Dennis Russell Davies und seine Frau Maki Namekawa, ist das Liebes- vom Musikerpaar kaum zu trennen. „Wir leben zusammen und wir musizieren zusammen – das ist wunderschön und ich liebe es, mit Maki zu spielen“, sagt Davies. „In Wirklichkeit hat er Angst vor mir“, sagt diese da grinsend und bricht in Gelächter aus. Seit über zehn Jahren musizieren die beiden miteinander, beinahe ebenso lange sind sie ein Paar, mittlerweile sind sie verheiratet.

Einmal ist da das Klavierduo Russell-Namekawa, die klingende Fusion zweier begnadeter und kluger Musikerpersönlichkeiten, faszinierend homogen im Zusammenspiel und einnehmend in seiner kraftvollen wie sensiblen Durchdringung komplexer Strukturen. Und dann sind da zwei Charaktere, die augenscheinlich sehr unterschiedlich sind.
Dennis Russell Davies: ein kritischer Denker, der sorgsam seine Worte wählt, die Arme verschränkt, die Stirn in Falten, um den Mund ein verschmitztes Grinsen. Seit 2002 ist er Chefdirigent des Linzer Brucknerorchesters und bis zum Ende der Saison 15/16 zudem Chefdirigent des Sinfonieorchesters in Basel.

Maki Namekawa: eine quirlige Frau, die gerne lacht und ihre Sätze mit lebhafter Gestik begleitet, deutlich jünger als Davies und eine ausgezeichnete Pianistin mit Faible für zeitgenössische Kompositionen.
Kennengelernt haben sich die beiden 2005, als beim Klavierfestival Ruhr das „Ballet Mécanique“ von George Antheil aufgeführt wurde. Namekawa spielte Klavier, Davies dirigierte, der Kontakt blieb und irgendwann haben sie dann auch vierhändig miteinander gespielt. „Und dann wurde es gefährlich“, erzählt Davies und lacht...

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Angekommen in Deutschland

Fast 17.000 minderjährige Flüchtlinge kamen allein im vergangenen Jahr in Bayern an. Eine Herausforderung für Jugendämter und Ehrenamtliche. Die KOMMUNAL-Mutmacher-Reportage: über mutige Behörden, die mit ihren schweren Aufgaben wachsen, mutige Pflegeeltern, die viel Kraft geben und Jugendliche, die bereits viel Mut bewiesen haben.

KOMMUNAL / März 2016

Als der achtjährige Farzad zum ersten Mal seit langem wieder eine Nacht durchgeschlafen hatte, wusste er, dass er angekommen war. Es war an einem Morgen im November, unter ihm schlief im Stockbett die neunjährige Anja, in den Regalen stapelten sich farbenfrohe Spielsachen, wenige Zimmer weiter erwachten sein Bruder Fazluddin, die dreijährigen Zwillinge Felix und Franziska, seine neuen Pflegeeltern Petra und Matthias Krause, außerdem zwei Hunde und eine Katze. Binnen weniger Wochen war die Familie Krause zur Großfamilie geworden und zwei afghanische Flüchtlingsjungen fanden ein neues Zuhause.

Gut zwei Monate später. Es liegt Schnee in Neukirchen am Inn, einem kleinen Ort in Niederbayern unweit von Passau. Gerade noch sausten die Kinder mit den Schlitten über die Piste, nun sitzen sie mit geröteten Wangen um den großen Esstisch in der Wohnküche. „Ich wollte schon immer einen gleichaltrigen Bruder haben“, sagt Anja und grinst zufrieden, dann mopst sie ein Keks vom Teller und kichert, während Felix lautstark um den Tisch saust und Petra Krause den Apfelstrudel aus dem Ofen holt. Mitten im turbulenten Treiben sitzen die Brüder Farzad und Fazluddin und lächeln still. Mit ihren acht und 17 Jahren haben sie Dinge erlebt, die kein Mensch je erleben sollte. Schon früh starb ihr Vater, Jahre des Elends folgten, erst in Afghanistan, dann im Iran. „Wir hatten jeden Tag Angst, es gab keine Schule, keine Sicherheit, keine Ärzte“, erzählt Fazluddin, und so wagten sie die Flucht. An der Grenze vom Iran zur Türkei verloren sie schließlich auch ihre Mutter und die drei Schwestern. In der Menschenmasse fielen Schüsse, die Brüder rannten um ihr Leben und als sie türkischen Boden unter den Füßen hatten, waren sie allein. „Wir haben zehn Tage gewartet“, sagt Fazluddin und verstummt. Seither ist die Familie verschollen. Irgendwie haben sich die beiden Brüder dann nach Deutschland durchgeschlagen. Sie bezahlten zwielichtige Schlepper, froren auf endlosen Fußmärschen in der Nacht, ernährten sich tagelang nur von Äpfeln und wurden zusammengepfercht auf Lastwägen festgehalten, den Gestank von Erbrochenem in der Nase, die Schreie der Polizisten im Ohr. Im August 2015 erreichten sie schließlich Deutschland. Zwei unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, gestrandet in Niederbayern...

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Aimard im Boxring

Im Mai bringt der New Yorker Architekt Daniel Libeskind die klassische Musik an Frankfurter Orte, die überhaupt nicht dazu passen. Deshalb könnte das Experiment "One Day in Life" funktionieren.

crescendo / Februar-März 2016

Das Boxcamp Gallus in der Rebstöcker Straße 49a in Frankfurt am Main hat mit klassischer Hochkultur so wenig zu tun wie ein Schnellimbiss mit einem Gourmetrestaurant. „Nicht rumhängen – sondern reinkommen“ lautet das Motto des dortigen Pädagogik-Projekts und allwöchentlich lassen Kinder und Jugendliche hier die Fäuste wirbeln. Die Decken hängen tief, die Luft riecht nach Anstrengung, Ehrgeiz und Adrenalin, an den Seiten baumeln voluminöse Boxsäcke, in der Mitte des Raumes thront weiß-blau umzäunt der Boxring.

Wo junge Ringer normalerweise ihre Kräfte messen, wird am 22. Mai 2016 ein Konzertflügel stehen. In den Ring steigt dann der Konzertpianist Pierre-Laurent Aimard und statt Anfeuerungsrufen und Siegesgeheul erklingt Beethovens späte Klaviersonate Opus 110. Die Überraschung im Boxring ist Teil des außergewöhnlichen Konzertprojekts „One Day in Life“ der Alten Oper Frankfurt und des Architekten und Projektgestalters Daniel Libeskind, bei dem klassische Musik am 21. und 22. Mai 2016 an Orte getragen wird, die man erst einmal kaum mit Musik in Verbindung bringt. Da wird die Commerzbank Arena zur Bühne für Geigerin Carolin Widman. Da ertönen am Bahnsteig der U4 in Richtung „Bockenheimer Warte“ Solowerke aus Barock, Klassik und Moderne und wird im Sigmund-Freud-Institut Arnold Schönbergs Streichtrio op. 45 aufgeführt.

Welchen Blick hat ein Künstler, der aus einer anderen Fachrichtung kommt, auf die Kunstform „Konzert“? Das war die Ausgangsfrage...

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Nur Freiheit und Liebe machen glücklich: Pippi Langstrumpf wird 70

Passauer Neue Presse, Feuilleton / 31. Oktober 2015

Diese Tage würde man sie manchmal gerne herbei wünschen: Eine quirlige Ladung Anarchie, die roten Haare in abstehende Zöpfe geflochten, eine Bärenkraft in den Muskeln, kein Blatt vor dem Mund und das Herz am rechten Fleck. Vor 70 Jahren erschien der erste Pippi Langstrumpf-Band in Schweden; seither hat die Figur des eigensinnigen wie herzlichen Mädchens die Wohn- und Kinderzimmer in aller Welt beseelt und die Vertreter eines angepassten Durchschnittsbürgertums eines Besseren belehrt. „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt“: Pippi, die Träumerin. Pippi, die Freiheitskämpferin. Pippi, die beste Freundin aller Zeiten.
Die Mutter dieser Kultfigur hat ihre Pippi zu einer Zeit geboren, in der alle Zeichen auf Katastrophe standen. Am Krankenbett ihrer Tochter Karin sitzend, den Beginn des zweiten Weltkriegs vor Augen und auf der Suche nach Stärke und Selbstvertrauen in der Phantasie, erschuf die damals 32-jährige Astrid Lindgren in liebevoll lakonischen Worten die kunterbunte Welt der Pippi Langstrumpf, die sie wenige Jahre später berühmt machen sollte.

Wer war diese Frau, die sich den offenen Blick des Kindes zu eigen machte und der Nachwelt eine wahre Schatztruhe an Kinder- und Jugendliteratur hinterlassen hat? Wo kamen sie her, die Geschichten über die mutige Pippi, die wilde Ronja Räubertochter, den trotzköpfigen Michel aus Lönneberga oder die liebenden Brüder Löwenherz?
Zwei Bücher sind jüngst erschienen, die Antworten auf diese Fragen erahnen lassen...

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